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Die Sache mit der Schönheit und mit Ausstellungen
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In letzter Zeit hatte ich ein paar eigenartige Gespräche über Ausstellungen und Schönheit oder das, was andere darunter verstehen oder meinen zu glauben, was jemand anderer darunter versteht. Das hat mich nun dazu veranlasst, ein paar Worte darüber zu verlieren.

Zunächst einmal ist ja unbestritten, dass Schönheit etwas sehr Subjektives ist und immer im Auge des Betrachters liegt. Für den einen sind kurze Nasen und schräge Rücken schön, für den anderen viel Fell oder eine bestimmte Größe usw. Das schreibe ich ganz wertlos, es hat jeder seine Vorlieben und das wird auch der Grund sein, warum sich im Laufe der Jahre so viele Hunderassen und –typen herausgebildet haben, die nicht nur auf bestimmte Aufgaben spezialisiert sind, sondern sich eben auch äußerlich unterscheiden.

Nun empfinden viele Menschen – mich eingeschlossen – Harmonie als etwas Schönes. Ich sehe diese Harmonie nicht nur beim Dalmatiner, sondern auch bei vielen anderen Hundetypen und Tierarten. Natürlich habe ich ein Faible für kurzhaarige, elegante Jagd-, Lauf- und Schweißhunde, das ist eben mein Typ Hund. Bloß hat diese Harmonie nicht der Mensch erfunden, man erkennt die Gesetzmäßigkeiten eines ausgewogenen, harmonischen Gebäudes und damit Gangwerks überall in der Natur. So haben Pferdeleute oft einen einfacheren Zugang zu diesem Thema.

Der Dalmatiner ist nun mal ein Laufhund. Es lohnt sich, hierzu den Standard genau zu lesen. Denn entgegen der landläufigen Meinung ist nicht der Rassestandard die Wurzel allen Übels, sondern das, was der Mensch daraus macht. Und so steht im Standard des Dalmatiners folgender segensreicher Satz: Der Dalmatiner ist ein gut proportionierter, markant getupfter, kräftiger, muskulöser und lebhafter Hund. Er ist symmetrisch in seinen Umrissen, frei von Grobheiten und Schwerfälligkeiten und als früherer "coach dog" fähig, bei beträchtlicher Geschwindigkeit ausdauernd zu laufen.

Dabei ist die „Fähigkeit, bei beträchtlicher Geschwindigkeit ausdauernd zu laufen“ von entscheidender Bedeutung. Alles redet vom Segen der Zucht auf Leistungsmerkmale, und das ist Leistung par excellence. Nun mag es Ausnahmen geben und die Ausnahme der Ausnahme, aber dieser Passus sorgt dafür, dass es um die Gelenke und die Ausdauer des Dalmatiners um einiges besser steht als bei vielen anderen Rassen. Nun ist die Gesundheit und Vererbung ein schwieriges Geschäft, die Verstrickung mit Umwelteinflüssen und Ernährung ist unbestritten und kompliziert. Festzustellen ist aber, dass Dalmatiner bei guter Gesundheit sehr alt werden können und dass ED und HD in der Dalmatinerzucht keine Rolle spielen. Ausgestattet mit dem entsprechenden Gemüt, könnte und sollte so ein Hund ein sportlicher und anpassungsfähiger Allrounder für alle Lebenslagen sein.

Nun bleibt noch die Frage, was in diesem Zusammenhang „schön“ ist im Auge des Betrachters. Schön ist sicherlich ein harmonisches Gebäude, das dem Laufhund seine Eigenschaften gibt. Die gut bemuskelte Vorbrust für feste Schultern zum Beispiel, ein gerade Rücken für fließende Bewegungen eines ausdauernden Trabers, gut gewinkelte Ellbogen und Knie für Schub und Kraft und anderes mehr. In diesem Fall ist schön, was auch gesund ist. Und wie oben schon erwähnt, ist diese Art der Schönheit keine neuzeitliche Erfindung des Menschen, sondern die der Natur. Wir sind diesen Anblick gewöhnt und empfinden ihn als schön, so wie zum Beispiel bei dem Anblick einer wendigen Raubkatze.

Ich will jetzt nicht behaupten, dass unser Kater Martin eine elegante Raubkatze wäre, aber es lohnt sich doch mal, sich andere Bewegungskünstler genauer zu betrachten, wie in diesem Fall das quadratische Gebäude und die Winkelungen:

 

Image

 

Interessanterweise sind sich Hund und Katze gar nicht so unähnlich – und diese beiden sind netterweise auch sehr ausdauernde Läufer und können hervorragend springen:

 

Nun noch ein Wort zu Ausstellungen: Man kann zweifellos viel Schlechtes an ihnen finden und auch ich stehe der Sache nicht kritiklos gegenüber. Im Falle des Dalmatiners – und auch anderer Lauf- und Schweißhunderassen der FCI-Gruppe 6 – ist es aber – idealerweise – so, dass die Hunde an lockerer Leine frei vorgeführt werden, ohne dass zuvor an ihnen herumgeschnippelt wird und ohne dass sie beim Präsentieren angefasst werden. Die Hunde stehen frei und fest auf ihren vier Pfoten mit leicht ausgestellten Hinterläufen, so wie sie sich von sich aus stellen, ohne hinten überstreckt zu werden. Sie traben zudem an der lockeren Leine.


Ausstellungen sind unverzichtbar, um selbst seinen eigenen Hund – idealerweise kritisch – im Verhältnis zu anderen Rassevertretern sowie von einem erfahrenen Kenner der Rasse einschätzen zu lassen. Sie sind auch wichtig für den Austausch und das Lernen voneinander und miteinander, im Idealfall ein Forum von und für Kenner und Liebhaber. Zudem sind sie die einzige Möglichkeit, so viele Rassevertreter gleichzeitig zu sehen. Wollte ich alle Dalmatiner, die ich auf drei Ausstellungen aus der ganzen Welt sehen kann, persönlich besuchen wollen, wäre ich wohl ein ganzes Jahr unterwegs. Natürlich schaue ich mir die Hunde auch gerne an. Aber dieses kleine Laster möge man mir verzeihen, ich denke, es gibt schlimmere.

Nun haben wir noch die Stammbäume. Aus Stammbäumen lässt sich vieles herauslesen, aber eben nicht alles. Wir haben nun mal die Hunde an der Leine, nicht ihre Stammbäume. Es ist aber unverzichtbar, etwas über die Hunde hinter den Namen zu wissen, ansonsten könnten da auch drei Xe stehen. Für die Zucht reicht es auch nun mal nicht, allein die Elterntiere zu kennen, denn A + B macht ja bekanntlich nicht automatisch C. Großeltern, Urgroßeltern, Tanten, Onkel und Geschwister setzen sich in der Nachzucht bekanntlich ebenso durch oder lassen bessere Rückschlüsse zu. Auch ist seriöse Zucht etwas Langfristiges und auf viele Generationen angelegt, ansonsten sorgt man einfach nur dafür, dass es noch mehr Hunde gibt.

Auch über die in der jüngsten Vergangenheit postulierte populationsgenetische "maximale Genvariabilität" nach Hellmuth Wachtels "Hundezucht 2000" ließe sich vortrefflich streiten. Es ist nämlich die Frage, ob Hunde aus Outcross immer automatisch gesünder (auch genetisch) sein müssen als Hunde mit einem engeren Stammbaum. Die Praxis zeigt, dass es nicht zwangsläufig so sein muss. Jetzt könnte man argumentieren, dass die negative Wirkung aus konsequenter Linienzucht sich erst in vielen Generationen offenbart. Da ist was dran, wenn man dauerhaft zu eng züchtet und zudem auf genetisch vorbelastete Hunde Linienzucht betreibt. Allerdings bleibt die Frage unbeantwortet, die andere Genetiker ins Feld werfen: Was passiert nämlich auf lange Sicht, wenn innerhalb einer (bei unseren Hunden sowieso sehr kleinen) Population nur noch Outcross betrieben werden würde? In 100 Jahren wäre kein Outcross mehr möglich, weil alle Hunde miteinander verwandt wären. Und auch die gesundheitsschädliche Zuchtselektion auf übertriebene Rassemerkmale (zu lange Rücken bei zu kurzen Beinen, zu kurze Nasen usw.) führt zu der heute feststellbaren "Degeneration", unabhängig davon ob Engzucht oder nicht.

Eine hohe Genvariabilität, die Verneinung der Matadorzucht (zu häufiger Einsatz eines Superrüden) und stärkere Selektion auf Leistungs- und Wesensmerkmale sind ohne Zweifel die richtigen Ansätze, um dem Dilemma der Rassehundezucht entgegenzutreten. Allerdings sind Inzucht- und Ahnenverlustkoeffizient nur eine Facette des großen Ganzen und müssen nicht unbedingt etwas über den Zuchtwert eines Tieres aussagen - erst recht dann nicht, wenn nicht kritisch genug selektiert wird.

Mittlerweile gibt es auch zahlreiche begrüßenswerte Projekte der Zuchtverbände, wie zum Beispiel Normalisierung der optischen Rasseattribute (z.B. längere Nasen beim Boxer, gerader Rücken beim Deutschen Schäferhund) und selbst schwierig durchzusetzende Auskreuzungen (wie beim Backcross-Projekt beim Dalmatiner in den USA, wo ein Pointer eingekreuzt wurde: mit etwas Glück sind Hunde aus dem Projekt in absehbarer Zeit auch hier einsetzbar).

Über diese Themen lässt sich wie gesagt lange diskutieren und streiten und bei Gelegenheit gibt es an dieser Stelle mehr Überlegungen dazu. Letzten Endes sitzen wir alle in einem Boot, wollen das Gleiche und teilen die Liebe und Leidenschaft zum Hund oder einem bestimmten Hunde- und Rassetyp. Wir wissen alle: Ein kranker Hund kann nämlich eines nie sein - schön. Und auf lange Sicht, so denke ich, läuft die Zucht auf rein optische, übertriebene Rassemerkmale - die auch Modetrends unterworfen ist - Gefahr, in einer Sackgasse zu landen, selbst wenn man als Züchter diese Sackgasse vielleicht nicht mehr erlebt.

(Im September 2009)

 
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